Chinesische Tsuso-Malerei

Der Name Tsuso ist die chinesische Bezeichnung für den Bildträger, das Markpapier, und meint heute auch die kleinen chinesischen Malereien, die speziell nur für den Export auf den europäischen Markt zwischen 1820 und 1840 in Canton gefertigt wurden.
Markpapier, oft fälschlicherweise Reispapier genannt, wird aus dem Mark des Stammes der Pflanze Tetrapanax papyrifera, einem immergrünen strauchartigen Baum gewonnen. Für die Blattherstellung werden die 30 bis 40 cm langen Astabschnitte geschält und das Pflanzenmark mit einem scharfen Messer durch Rollen über einer ebenen Unterlage, geschnitten. Die Blätter werden getrocknet und ohne weitere Bearbeitung als Malgrund verwendet. Aufgrund bestimmter Eigenschaften der Struktur des Zellgewebes dringt die Malerei der Gouache nicht in das Papier ein, sondern bleibt auf der Oberfläche. So entsteht der leuchtend intensive, fast strahlende Effekt der Farben, der die Tsuso-Malerei auszeichnet. Zum Fixieren des Markpapiers auf einem Trägerpapier wurde immer ein umlaufendes, meist blaues, Band verwendet.

Tsuso-Malerei_Markpapier Tsuso-Malerei_Markstange

In Mode kam das Markpapier vermutlich wegen der steigenden Nachfrage nach kleinformatigen, preisgünstigeren und leichter zu transportierenden Reisesouvenirs, die das massive Anwachsen des chinesischen Außenhandels im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts begleitete. Ölbilder auf Holz oder Leinwand waren teuer und unhandlich für den Reisenden auf dem Heimtransport. Die früher für den Export angefertigten repräsentativen Gouachen waren häufig großformatiger und auf feinstem chinesischen oder auf aus Europa importiertem Papier gemalt. Die Tsuso-Malereien dagegen waren günstig, leicht und einfach zu verstauen. Meist wurden sie in Alben verkauft. So waren die Tsuso-Bilder geschützt und konnten ihre leuchtenden Farben bewahren.

Es ist beurkundet, dass Kaiser Franz von Österreich 1826 einige Alben von dem englischen Konsul und General Watts kaufte und dass ein Graf aus Italien 1828 Kanton besuchte und mit 350 Malereien im Gepäck zurück kehrte. In der British Library wird ein Reisetagebuch eines britischen Offiziers aufbewahrt, das neben Einträgen zu seiner Indienreise von 1829 auch Malereien enthält. Diese frühen Exemplare und Berichte von Kanton-Reisenden lassen vermuten, dass es besonders in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts einen blühenden Handel gab.

 

Bis 1842 war Canton die einzige Hafenstadt in China, die für den Handel mit dem Westen geöffnet war. Daher ist es keine Überraschung, wenn von den nur acht Malerwerkstätten, für welche die Herstellung von Tsuso-Malereien nachgewiesen werden kann, sechs in Kanton ansässig waren. Die internationalen Handelslager, die "waterfront factories" in den Hafengebieten, den "Hongs" in Kanton, wo auch die Studios der Maler ansässig waren, wurden während des ersten Opiumkrieges (1839-1841) teilweise niedergebrannt und im Feuer von 1856 vollkommen zerstört. Die Handelskompanien zogen fort. Infolge des Vertrags von Nanking wurden ab 1842 weitere chinesische Häfen für den Handel mit dem Westen geöffnet, Hong Kong löste Canton als neues Handelszentrum ab. Trotzdem wurde die Malerei auf Markpapier nicht vollkommen eingestellt, nur die Rahmenbedingungen hatten sich verändert. Die ohnehin nur kurze Hochzeit, die so wunderschöne Malereien hervorgebracht hatte, war vorüber.
-Birgit Strehler M. A.-